Die Äußerungen des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst über den Beitrag türkischer Einwanderer zum wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg haben eine politische Debatte ausgelöst. AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel reagierte auf Wüst, indem sie einen Beitrag teilte, der der Darstellung widerspricht, Gastarbeiter hätten Deutschland „wieder aufgebaut“.
Die Aussagen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst über türkische Arbeitnehmer während seines Türkei-Besuchs haben in Deutschland eine neue Debatte über die historische Rolle der Gastarbeiter angestoßen.
Anlässlich des 65. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens reiste der CDU-Politiker in die Türkei. Bei einem Besuch des Henkel-Werks in Ankara sprach Wüst über den Beitrag türkischer Einwanderer zur deutschen Wirtschaft.
Wüst erklärte, ohne diese Menschen wäre der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg nicht möglich gewesen. Dabei verwies er darauf, dass türkische Arbeitnehmer unter anderem in Stahlwerken, im Bergbau, im Kölner Ford-Werk und im Straßenbau gearbeitet hätten.
Weidel reagiert scharf
Wüsts Aussagen stießen bei AfD-Co-Vorsitzender Alice Weidel auf Kritik.
Weidel teilte in den sozialen Medien einen Kommentar des Apollo-News-Autors Max Roland, in dem die Rolle türkischer Gastarbeiter beim Wiederaufbau Deutschlands infrage gestellt wird, und kritisierte Wüst.
In ihrem Beitrag warf Weidel Wüst vor, in der Türkei das „Märchen“ zu wiederholen, Gastarbeiter hätten Deutschland „wieder aufgebaut“. Nach ihrer Darstellung sei dies eine Missachtung jener Kriegsgeneration, die aus den Trümmern das Wirtschaftswunder geschaffen habe. Zudem warf sie Wüst vor, mit „linken Lügen“ Wahlkampf für die CDU zu betreiben.
Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen allerdings zwei unterschiedliche historische Phasen: der unmittelbare Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und die Unterstützung der stark wachsenden westdeutschen Wirtschaft durch ausländische Arbeitskräfte in den 1960er-Jahren.
Die Geschichte der türkischen Arbeitnehmer in Deutschland begann 1961
Das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland wurde am 30. Oktober 1961 unterzeichnet. Türkische Arbeitnehmer gehörten deshalb nicht zu den maßgeblichen Arbeitskräften der ersten Wiederaufbauphase, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 begann.
In den 1960er-Jahren führte der zunehmende Arbeitskräftebedarf der schnell wachsenden westdeutschen Wirtschaft jedoch dazu, dass Hunderttausende Menschen aus verschiedenen Ländern, darunter auch aus der Türkei, nach Deutschland kamen.
Türkische Arbeitnehmer waren neben der industriellen Produktion insbesondere im Bergbau, in der Automobilindustrie, im Baugewerbe und beim Ausbau der Infrastruktur beschäftigt. Vor allem das Ruhrgebiet und Nordrhein-Westfalen gehörten zu den Regionen, in denen sich viele Arbeitskräfte aus der Türkei niederließen.
Die Türkei war zudem nicht das erste Land, aus dem die Bundesrepublik ausländische Arbeitskräfte anwarb. Nach dem 1961 mit der Türkei geschlossenen Abkommen folgten weitere Vereinbarungen mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien.
Zahl der türkischen Arbeitnehmer verdreifachte sich innerhalb von drei Jahren nahezu
Der Anteil türkischer Arbeitnehmer an der ausländischen Erwerbsbevölkerung in Westdeutschland nahm insbesondere ab Ende der 1960er-Jahre deutlich zu.
1968 waren rund 152.900 türkische Arbeitnehmer beschäftigt. Bis 1971 stieg ihre Zahl auf 453.100. Anfang 1972 überholten die Türken die Italiener und bildeten damit die größte Gruppe ausländischer Arbeitnehmer in Westdeutschland.
Anfang 1973 wurden rund 528.000 türkische, 466.000 jugoslawische und 410.000 italienische Arbeitnehmer gezählt.
Diese Zahlen zeigen, dass türkische Arbeitnehmer erst nach der unmittelbaren Wiederaufbauphase nach Deutschland kamen. Gleichzeitig stellten sie während der industriellen Expansion und des wirtschaftlichen Wachstums der 1960er- und frühen 1970er-Jahre einen bedeutenden Teil der Arbeitskräfte.
Kern der Debatte: Was bedeutet „Wiederaufbau“?
Ein wesentlicher Teil der Auseinandersetzung zwischen Wüst und Weidel dreht sich um die Bedeutung der verwendeten Begriffe.
Wird unter dem „Wiederaufbau Deutschlands“ der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Städte, Wohnungen und Infrastruktur unmittelbar nach 1945 verstanden, ergibt sich hinsichtlich der türkischen Arbeitnehmer eine chronologische Einschränkung: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei wurde erst 1961 geschlossen.
Davon zu unterscheiden ist der spätere Beitrag türkischer Arbeitnehmer zur deutschen Industrie und zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs der wachsenden westdeutschen Wirtschaft.
Auch Wüsts dokumentierte Aussage lautete nicht unmittelbar: „Die Türken haben Deutschland wieder aufgebaut.“ Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident erklärte vielmehr, ohne diese Menschen wäre es nicht möglich gewesen, „wirtschaftlichen Aufschwung hinzukriegen nach dem Krieg“.
Die Fragen „Wer hat Deutschland wieder aufgebaut?“ und „Welchen Beitrag leisteten Gastarbeiter zum wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands nach dem Krieg?“ beziehen sich daher nicht auf dieselbe historische Aussage.
Die gesellschaftliche Dimension der Debatte
Eine Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung auf die Frage „Deutsche oder Migranten?“ birgt die Gefahr, unterschiedliche Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte miteinander zu vermischen.
Auf der einen Seite steht die deutsche Bevölkerung, die unmittelbar nach dem Krieg am Wiederaufbau des Landes beteiligt war. Auf der anderen Seite stehen italienische, spanische, griechische, türkische, marokkanische, portugiesische, tunesische und jugoslawische Arbeitnehmer, die später einen Teil des Arbeitskräftebedarfs der expandierenden westdeutschen Wirtschaft deckten.
Eine Verschärfung der Debatte könnte insbesondere innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland erneut Fragen nach Zugehörigkeit und nach der gesellschaftlichen Anerkennung der Arbeitsleistung früherer Generationen aufwerfen.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine Verkürzung komplexer historischer Entwicklungen auf politische Schlagworte die unmittelbare Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg und die spätere Phase des wirtschaftlichen Wachstums miteinander vermischt.